Nachtgetöse 12. Juni 2021

22:30 Nachtgetöse mit Lichtinstallation und Orgelimprovisation

Ein nächtlicher Klangspaziergang durch die prächtige Klosterkirche St. Urban mit der Orgelkunst von Rainer Walker und der Lichtkunst von Simon Bühler.

Freier Eintritt, Kollekte
Anmeldung freiwillig https://forms.gle/CHYg49EzTf4AH9Ba6

Kinderkonzert

Samstag 12. Juni, je 16 Uhr und 17 Uhr

Der Ritter Hubertus und der Drache Ottilius sind sich uneinig: Was ist schön zu spielen auf der Orgel und was nicht. Burgfräulein Hildegard versucht zu vermitteln.

Für Kinder ab 4 Jahren und grosse Menschen.

Mit Stefanie Ammann, Schauspielerin und Rainer Walker, Musiker

www.orgel-st-urban.ch

unterstützt durch Kulturdepartement Luzern, Stiftung Accordeos und Stiftung Strebi

Eintritt an der Abendkasse

Etwas Geschichte

1721 wurde die Hauptorgel zu St. Urban im Luzerner Hinterland vollendet. Das Zisterzienserkloster erwarb sich damit ein Werk von unvergleichlicher Pracht und Ausstrahlung. Bis heute besuchen Heerscharen von Organist*innen dieses Instrument. Was fasziniert daran? Dieses frühe Werk des Baarer Orgelbauers Josef Bossart und seines Sohnes Felix weist auf drei Manualen eine Klangvielfalt und abgestimmte Perfektion auf wie kein weiteres Barockwerk in der Schweiz. Die auffälligste Komponente ist sicher das Hauptwerk, das über die Hälfte der Register für sich beansprucht. Ganz im zisterzienischen Geist ist es kirchentonartlich orientiert: mitteltönig gestimmt sowie mit kurzer Oktav in Manualen und Pedal versehen. 

Von 1987 bis 1993 nahm sich die Orgelbaufirma Kuhn der umfassenden Restaurierung des Werks an. Konsequente Rückführung auf einen frühen Zustand und Orientierung am Klangideal der Zeit mittels vorhandenen Orgeln führte in dem sechsjährigen Prozess zu einem beispielhaften Resultat. 

Dabei muss man sich vor Augen halten: Die Ordensleute suchten keine Virtuosen für dieses Instrument. Dienen und sich dem Gesang unterordnen waren auf alle Fälle Vorgaben. Die vielen Mixturen und Aliquoten deuten jedoch darauf hin, dass diese Unterordnung nicht allzu streng verstanden werden musste. So wurden auch immer wieder auswärtige Gastorganisten – manchmal für ein ganzes Jahr – eingeladen, um die Klangvielfalt zum Tragen zu bringen.

Wer sich je im Innern dieses Instrumentes bewegen konnte, erlebt einen eindrücklichen Spaziergang durch die grosszügig angelegte Anlage, weit entfernt von der Kletterei in kompakten Gehäusen. Platz mussten die Bossarts nicht sparen. Der Prospekt fügt sich in die ganze Breite des Hauptschiffs ein. Auf drei Etagen und Seitenbalkonen erhält der Orgelbauer Zugang zu den Pfeifen. Joseph Bossart zeichnete den Orgelprospekt auf Grund von harmonikalen Proportionen – vergleichbar mit den Monochord-Studien der antiken Vorfahren. Pedantisch berechnete er auch die Pfeifenproportionen und sämtliche Anordnungen im Werk. Wo der Gründer der Baarer Orgelbauerdynastie sein Handwerk gelernt hat, wissen wir nicht. Vier Generationen umfasste sein Organistenstamm. Viktor Ferdinand - Carl Joseph Maria – Franz Joseph Remigius hiessen die weiteren Träger der Familientradition. Vom Berner Münster über den Dom zu Solothurn bis zur Schlosskirche Spiez oder zur Könizer Kirche, mit Chororgeln zu Einsiedeln und Muri und St. Gallen: Überall legten sie Beweis ihrer hohen Kunst ab. 

Spätere Generationen versuchten – dem Zeitgeist entsprechend – an das Werk in St. Urban Hand anzulegen. Elimination der kurzen Oktav, neuer Spieltisch, Aufhebung der Mitteltönigkeit und Ersatz von Registern: Der übliche Lauf der Geschichte? Nein, hier offenbar nur ansatzweise. Denn die Bewunderung über das ursprünglich Geschaffene hemmte ein allzu rigoroses Eingreifen. So gab es auch währschaften Streit unter Experten, Expertise und Gegenexpertise. 

Heute sind wir wieder bei der alten Zeit angelangt, a’ mit 431 Hz bei 15°C. Reine Mitteltönigkeit mit neun reinen Terzen. Winddruck durch sechs Keilbälge, 67 mm Wassersäule. Subsemitonien bei es/dis (42 Cent Unterschied), kurze Oktave auf allen Manualen und im Pedal. Wer noch nie auf historischen Instrumenten dieser Bauart gespielt hat, muss sich Zeit nehmen. Wer es kenntn nimmt sich sowieso Zeit, denn der Klang in dem grossen Raum ist eine Offenbarung, die man nicht in Worte schreiben kann. Immer noch beherbergt die grosse Kirche eine kleine Pfarrei. Sie kann sich über diesen Schatz nur glücklich schätzen! Der Organist oder die Organistin muss sich für den liturgischen Gesang etwas beweglich zeigen, Transposition der Kirchenlieder und Umbau der Pedalstimme gehören zum täglichen Brot. Dafür gibt es einen Lohn. Nicht zuletzt den, dass selbst ein einfaches Bicinium eine Wirkung hat, die es auf gleichschwebend gestimmten Instrumenten niemals hätte. Weniger Üben heisst das trotzdem nicht: Kurze Oktave und Subsemitonien fordern immer noch ihre Aufmerksamkeit. Und auch die – man muss es zugeben – etwas laute Traktur im Manual und bei den Registern will beherrscht sein. 

 

Wie könnte man den 300. Geburtstag der „alten Dame“ anders feiern als mit Konzerten? 

Monatliche Orgelsternstunden und eine grosse Orgelnacht am 12. Juni 2021 werden St. Urban zu einem klingenden Jubiläum